Die Gesellschaft hat ein Recht auf Fragen – Interview mit dem Hanauer Bote

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+++ Jaoid Darsane und Jascha Lindner vom Islamischen Beratungs- und Begegnungszentrum im Bote-Gespräch: „Die Gesellschaft hat ein Recht auf Fragen“ +++

Hanau. Der Glauben, das ist, worin Menschen Kraft und Stärke finden. Doch mitunter kann er auch eine Herausforderung sein, dann zum Beispiel, wenn die eigene Religion durch radikale Fanatiker in den Schmutz gezogen wird. Zugleich ist der Terror unter Berufung auf den Islam fruchtbarer Boden für Ressentiments gegenüber einer ganzen Glaubensgemeinschaft und Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sich berufen fühlen, das Abendland mit populistischen Hetzparolen zu „verteidigen“. Der Islam hat ein Imageproblem, und es ist eine große und zugleich schwierige Aufgabe für die überwiegende Mehrzahl der friedliebenden Muslime, die Scherben aufzusammeln, die eine Gruppe von Fanatikern hinterlassen hat. Denn wenngleich diese Scherben schnell zusammengekehrt sind, hinterlassen sie doch tiefe Schnitte im Fleisch der Gesellschaft, Schnitte, die nur sehr langsam verheilen. Und selbst dann bleiben Narben zurück. Es ist angesichts der insgesamt etwa 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt ein minimaler Anteil, der einen barbarischen Krieg gegen alle die führt, die sich der eigenen Ideologie nicht anschließen wollen. Wenige, die aber viel zerstören können – wenn man sie lässt. Es ist die Gesellschaft, es sind wir, die die Verantwortung dafür tragen, dass eben das nicht geschieht. Dazu gehört es, in Dialog zu treten, Fragen, auch unbequeme, zu stellen, und Antworten zu suchen. Jaoid Darsane ist mit dem muslimischen Glauben aufgewachsen, Jascha Lindner kommt aus einem protestantischen Elternhaus und konvertierte 1997 zum Islam. Beide sind Mitbegründer der Moscheegemeinde Islamisches Informations- und Begegnungszentrum Hanau (www.iibev.de) und sprechen im Interview über die Angst vor dem Terror, verstaubte Ansichten und die Verantwortung der Muslime.

Hanauer Bote: Herr Darsane, Herr Lindner, was ging Ihnen als erstes durch den Kopf, als Sie die Bilder in Paris gesehen haben?

Darsane: Ich war wirklich schockiert. Extremismus und Gewalt sind mit dem Islam absolut nicht zu vereinbaren, das ist meine tiefe Überzeugung. Es beunruhigt mich, dass es Menschen gibt, die so etwas tun, und ich frage mich, welche Auswirkungen das auf die Muslime und auf die Gesellschaft insgesamt hat.

Lindner: Mein erster Gedanke war: „Was sind das für feige Menschen“. Man setzt sich nicht an einen Tisch und diskutiert, sondern tötet Menschen und beruft sich dabei auch noch auf Gott. Selbst will man nicht, dass einem ein Glaube aufgezwungen wird, und dann versucht man genau das, noch dazu auf so brutale Art und Weise, das macht mich wirklich fassungslos. Die Reaktionen, sei es seitens der Politik oder seitens der Medien, haben mich allerdings positiv überrascht.

Wie wurde all das denn in Ihrer Gemeinde aufgenommen?

Darsane: Natürlich hat uns das ganz intensiv beschäftigt, die Freitagspredigt danach, die wir auch auf unsere Website gestellt haben, war dem Thema gewidmet, daneben haben wir viele Gespräche geführt.

Lindner: Ich hatte auch ein Gespräch mit einem Muslim, der zunächst die Auffassung vertrat, das was in Paris passiert ist, sei richtig. Da war sehr viel Emotionalität im Spiel, es ging auch um das Thema Palästina und ich hatte das Gefühl, dass sich da eine Menge angestaut hat. Wir haben fast eine Stunde diskutiert, und genau das halte ich für extrem wichtig. Jemandem, der mit dem Stift kämpft, kannst du nicht mit der Waffe entgegentreten, man kann sowas ablehnen, aber eben nicht auf einer solchen Ebene. Ich bin ja hier in Deutschland aufgewachsen, und was ich immer schon geschätzt habe, ist unsere Streitkultur, dass man sich sachlich und mit Argumenten auseinandersetzen kann, ohne gleich emotional zu werden. Das ist aber eine Sache, die die muslimische Community erst mal lernen muss, dass man wirklich sagt: Wir müssen über gewisse Dinge auch mal reden.

Fühlen Sie persönlich sich durch Karikaturen, wie sie das Magazin Charlie Hebdo zeigt, verletzt?

Lindner: Definitiv nicht, aber das ist meine ganz persönliche Meinung. Ich bin mit Humor aufgewachsen und Satire ist eben auch oft einfach ein Spiegel, den man vorgehalten bekommt. Natürlich hat da jeder seine ganz persönliche Grenze, meine eigene ist damit jedenfalls nicht überschritten. Dieser ganze Aufruhr wegen ein paar Zeichnungen, das hatten wir ja schon, also bitte, Leute, ich habe zwei Kinder, die bringen mich vielleicht manchmal aus der Ruhe, aber doch nicht sowas.

Darsane: Mich persönlich hat das nicht verletzt oder wütend gemacht, allerdings respektiere ich auch, wenn Menschen das anders sehen. Muslime sind ja oft auch sehr, sehr emotional. Das muss man natürlich akzeptieren und auch diskutieren – aber eben sachlich.

Wie stehen Sie denn zu der vieldiskutierten Ausstellung der Karikaturisten Achim Greser und Heribert Lenz in Hanau?

Darsane: Wir haben uns kürzlich zwei islamkritische Karikaturen aus der Ausstellung angeschaut und mussten selber lachen – weil sie amüsant und auch realistisch sind. Wir haben damit kein Problem, vielleicht regt das zum Dialog an, was wir als positiv werten. Aus unserer Sicht sollte die Ausstellung stattfinden.

Was beunruhigt Sie persönlich mehr: dass Fanatiker das Bild einer ganzen Glaubensgemeinschaft beschädigen oder dass Menschen gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes auf die Straße gehen?

Darsane: Beides ist ja miteinander verknüpft, das eine passiert und das andere ist die Reaktion. Beides besorgt mich, aber traurig macht mich, dass der islamistische Terror das Bild des Islam zerstört.

Lindner: Das sehe ich anders, für mich sind das zwei ganz unterschiedliche Dinge. Ich bringe Pegida und seine Ableger nicht mit Vorfällen wie denen in Frankreich in Verbindung, sondern eher mit Unwissenheit. Manche Leute, die da in Leipzig auf die Straße gehen, haben ja noch nie einen Muslim gesehen, insofern liegt da die Verantwortung ein Stück weit auch bei uns, die Leute aufzuklären: Hallo, ich bin Muslim, so denke ich, so lebe ich. Ich denke aber, dass unsere Gesellschaft stark genug ist, das auszuhalten. Wir müssen uns dem stellen, aber das können wir, ganz getrost.

Haben Sie persönlich Angst vor Übergriffen? Haben Sie selbst schon Anfeindungen erlebt?

Lindner: Mir sieht man meinen Glauben ja nicht an …

Darsane: … Ja, und Bart tragen ist ja gerade in, insofern bin auch ich nicht auf den ersten Blick als Muslim zu identifizieren (lacht). Meine Frau hat allerdings schon so ihre Erfahrungen gemacht, nicht nach den jüngsten Ereignissen in Paris, aber immer mal wieder kommt da schon ein blöder Kommentar.

Spüren Sie einen wachsenden gesellschaftlichen Druck, sich für Ihren Glauben rechtfertigen zu müssen?

Darsane: Ich werde gerade von Kollegen öfter mal angesprochen und gefragt, wie es sein kann, dass solche Dinge passieren im Namen der Religion, der ich angehöre. Dem muss man offen gegenüberstehen. Ich empfinde es eher als Bereicherung, wenn ich mit anderen über meine Religion sprechen kann. Manchmal ist es zugegeben nicht ganz einfach, wenn man schon von vornherein eine ablehnende Haltung oder Vorurteile spürt, aber es ist ja zugleich auch die Chance, die zu widerlegen.

Muslime betonen, dass der Islam eine friedliebende Religion ist. Ist dann das eigentliche Problem, dass es so viele unterschiedliche Auslegungsarten gibt?

Lindner: Der Islam ist an Ort, Zeit und Umstand gebunden, das wird mitunter nicht so gelebt. Die Gesellschaft verändert sich, und da tauchen zwangsläufig Fragen auf, die sich früher einfach nicht gestellt haben. Darf meine Tochter am Schwimmunterricht teilnehmen? Wie sieht’s mit Sexualkunde aus? Das steht natürlich so nicht im Koran, und viele Gläubige sind dann verunsichert und wählen den härteren Weg, weil sie sich dann auf der sicheren Seite wähnen. Dabei sind wir ausdrücklich angehalten, es uns leichter zu machen. Das Problem zwischen der islamischen und der westlichen Welt ist aber in der Tat nicht zuletzt auch ein innerislamisches, es gibt unterschiedliche Ansichten und die existieren eben nicht friedlich nebeneinander, weil jeder die absolute Richtigkeit für seine Sicht beansprucht.

Darsane: Und eben jene Zerrissenheit nehmen auch Nichtmuslime wahr, und fragen sich, was bei uns los ist. Das ist ein Problem, das uns sozusagen von innen zerstört. Daneben glauben manche Leute, sie können sich hinstellen und den Koran interpretieren. Doch dafür gibt es Großgelehrte, geistige Führer, deren Rechtssprüche für bestimmte Sachverhalte gelten. Doch manche hebeln das einfach aus, indem sie mehrheitlich anerkannte Gelehrte ablehnen. Es ist außerdem ein grundsätzlich falsches Verständnis vom Islam, wenn man meint, man kann sich einfach das herauspicken, was einem gerade in den Kram passt – und genauso verfahren ja letztlich radikale Islamisten. Die Barmherzigkeit zu der wir angehalten sind, der Nachbar, den man respektieren soll, das wird komplett ausgeblendet. Aber eine Religion gibt es nun mal nur als Gesamtpaket.

Laut Koran dürfen sich Gläubige verteidigen, was offenbar radikalisierten Islamisten genügt, um ihr Tun zu legitimieren. Wenn das richtige Verständnis insbesondere auf einer sachlichen und auch kontextabhängigen Interpretation beruht, muss dann nicht noch viel mehr getan werden in Sachen gemeinsamer Koran-Exegese in Moscheen und/oder Vereinen und insbesondere in der Jugendarbeit?

Lindner: Das ist extrem wichtig, ja. Wir brauchen definitiv Unterstützung, auch von städtischer Seite, denn nicht zuletzt hängt das ja auch immer an finanziellen Mitteln. Auch aus Hanau sind mittlerweile mehrere junge Leute nach Syrien gegangen, das ist kein Geheimnis. Es gibt also auch hier dringenden Handlungsbedarf, aber das ist natürlich auch eine Frage finanzieller und personeller Ressourcen. Für uns ist das ja auch ein ganz fremdes Terrain, dafür sind wir auch gar nicht ausgebildet. Als wir vor sechs, sieben Jahren mit ein paar Infoständen und Vorträgen angefangen haben, haben wir gesagt, wir schauen mal, was wir hier auf die Beine stellen können. Aber es ist jetzt nicht mehr, wie damals, das Thema hat inzwischen ganz andere Dimensionen angenommen.

Junge Menschen, die sich radikalisieren und im vermeintlichen Namen Allahs kämpfen – wo sehen Sie die Gründe für solche Entwicklungen? Sind das immer die, die Hass auf unsere westliche Gesellschaft spüren, weil sie sich in ihr als Verlierer fühlen?

Lindner: Es sind sicher viele darunter, die hier nicht Fuß fassen und dann versuchen, die Schuld auf die Gesellschaft zu schieben. Die westliche Welt, in der man alle Vorzüge genießt, wird auf einmal zum Feindbild. Und dann kommen Leute, die genau wissen, auf welche Knöpfe sie drücken müssen. Daneben ist auch das Internet ein großes Problem, weil sich gerade junge Leute durch einschlägige Seiten klicken und ein ganz falsches Bild vom Islam bekommen. Dabei wird viel mit Emotionen gespielt.

Darsane: Genau das ist ein weiterer Punkt: Menschen, die generell wenig über den Islam wissen und sich vor allem von Emotionen leiten lassen. Die sehen Bilder im Internet, von toten Kindern in Syrien und dann wird an ihr Mitgefühl für die Glaubensbrüder appelliert, nach dem Motto: Wie kannst du das zulassen? Sie fühlen sich verpflichtet, zu helfen und meinen auch noch, damit etwas Gutes zu tun. Unwissenheit ist dabei die Wurzel allen Übels.

Und was kann man konkret tun, um zu verhindern, dass Jugendliche sich die Antworten auf ihre Fragen in zweifelhaften Foren im Netz suchen?

Lindner: Das funktioniert letztendlich nur über den Dialog. Die Gemeinden sprechen nicht gern darüber, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass es auch hier in Hanau Gruppen gibt, die gezielt versuchen, junge Leute anzuwerben. Wir sind inzwischen in Kontakt mit der evangelischen Kirche in Steinheim und dem Runden Tisch der Religionen und versuchen hier, ein Netzwerk aufzubauen. Wir beraten uns in ganz unterschiedlichen Fragen, da geht es um Ernährung im Kindergarten, aber auch um den Umgang mit Jugendlichen, die zum Beispiel in der Schule bereits radikale Tendenzen zeigen.

Darsane: Die muslimische Community hier kennt sich ja, man bekommt viel mit, auch wenn man die Leute nicht persönlich kennt. Da hört man auch von dem einen oder anderen, der anfängt, sich abzukapseln. Vor einem Jahr hatten wir deshalb die Idee, uns mit verschiedenen Moscheegemeinden zusammenzutun, um solche Leute zu erreichen. Dazu ist es leider nicht gekommen, und mein persönlicher Eindruck war, dass sich viele Moscheegemeinden eher von solchen Problemen distanzieren wollten.

Also ist das etwas, vor dem man lieber die Augen verschließt?

Darsane: Da ist natürlich eine gewisse Angst da, mit solchen Sachen in Verbindung gebracht zu werden. Ich habe zum Beispiel auch schon mitbekommen, dass einigen Leuten Hausverbot erteilt wurde, aber ich finde, das ist der falsche Weg. Man muss mit den Jugendlichen arbeiten, versuchen, sie noch zu erreichen. Das erfordert aber auch die Bereitschaft, offen über dieses Thema zu sprechen und auch bei Meinungsverschiedenheiten nicht gleich beleidigt zu sein.

Der Terror im Namen Allahs wird von muslimischen Verbänden ganz klar verurteilt, dennoch sind viele Muslime der Auffassung, Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun. Macht man es sich damit nicht ein bisschen zu einfach?

Lindner: Die Gesellschaft hat ein Recht, Angst zu haben. Und sie hat ein Recht, Fragen zu stellen. Dem müssen wir uns stellen, ganz klar. Ich persönlich kann es nicht hinnehmen, dass diese Menschen in meinem Namen diese Dinge tun, insofern ist Islamismus auch mein Problem. Mein Verständnis ist, dass das meine Geschwister im Glauben sind, und auch wenn sie vollkommen falsch liegen, muss ich mich ihnen annehmen und kann ihnen nicht einfach den Rücken zuwenden.
Sie haben im Dezember 2013 das Islamische Informations- und Begegnungszentrum ins Leben gerufen, das durch mehr Transparenz ausdrücklich auch den Dialog mit der nichtmuslimischen Bevölkerung fördern will. Wo genau setzen Sie an?

Darsane: Wir waren vorher dem Islamischen Arbeiterverein angeschlossen, unser Fokus lag dabei von Anfang an auf dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit, wir haben immer das Gespräch gesucht, und zwar sowohl mit Muslimen als auch mit Nicht-Muslimen. Daneben war uns wichtig, die Predigten auf Deutsch anzubieten, und das war letztlich der ausschlaggebende Punkt, selbst einen Verein zu gründen. Das war auch ein Generationenkonflikt, die älteren Muslime bevorzugen da ganz klar die Predigt in arabischer Sprache.

Lindner: Neben der Sprache ging es aber auch darum, dass wir raus wollten aus den Moscheen, die voller Staub sind – und uns mit der Realität auseinandersetzen. Die Räumlichkeiten sind klein und nicht unbedingt was zum Vorzeigen, aber zu den Freitagspredigten kommen immer so um die 50 vor allem junge Leute. Daneben bieten wir Workshops für Muslime und Moscheeführungen für Interessierte, aktuell planen wir auch, direkt in Schulen zu gehen, um das Gespräch zu suchen.

Das gerade in der Politik viel zitierte gute Zusammenleben der verschiedenen Religionen in Deutschland scheint oft eher ein Nebeneinanderherleben, das Interesse am jeweils anderen eher gering. Wie kann man dem begegnen?

Darsane: Der interreligiöse Dialog ist extrem wichtig, ohne Gespräche wird es nicht funktionieren. In der Zusammenarbeit beim Runden Tisch der Religionen oder auch mit der evangelischen Kirchengemeinde Steinheim gibt es keine Berührungsängste, wenn wir es schaffen, das in die Gesellschaft zu tragen, wäre das schon ein großer Schritt. Wir sind jedenfalls für alles offen, und wir müssen etwas tun, auch wenn es vielleicht erstmal nur ganz kleine Dinge sind. Wir dürfen uns jedenfalls von der Größe der Verantwortung nicht abschrecken lassen.

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